RBB Abendschau (Logo: Rundfunk Berlin-Brandenburg)
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#Nizza : Hauptsache Erster: Wie der RBB mit seiner Glaubwürdigkeit spielt

Wie absurd muss der Medienzirkus sein, wenn die Chance Erster zu sein über die Wahrhaftigkeit einer Information gestellt wird? Völlig egal ob es hierfür schon eine Bestätigung gibt oder nicht. Gerade von den öffentlich-rechtlichen Programmen erwarte ich eine seriöse und fundierte Berichterstattung, die das Zwei-Quellen-Prinzip und Informationen aus Primärquellen ernst nimmt. Stattdessen ist der RBB mit „unbestätigten Informationen“ zum Anschlag in Nizza an die Öffentlichkeit gegangen und spielte damit mit den Gefühlen der Betroffenen, aber auch der eigenen Glaubwürdigkeit.

Ereignisse wie der Anschlag in Nizza lassen sich aus Nachrichtensicht nicht planen oder berechnen. Umso schwieriger ist es, direkt danach den Informationsbedarf der eigenen Zuschauer, Hörer und Leser zu stillen. Oft werden über lange Zeit nur offensichtliche Fakten und Schilderungen von Augenzeugen herangezogen. Offizielle Zahlen und Informationen von Behörden kommen – verständlicherweise – meist erst mit einer größeren Verzögerung.

Verlockende Exklusivmeldung

Umso verlockender scheint es da eigene Quellen aufzutun. Am besten als Erster, um damit möglichst viel Aufmerksamkeit auf das eigene Medium zu ziehen. Schließlich belohnen Dienste wie Google die Geschwindigkeit beim vermelden einer Nachricht.

Allerdings sollte genau dabei die journalistische Sorgfaltspflicht nicht missachtet werden. Mutmaßungen und „unbestätigte Infomationen“ haben an dieser Stelle nichts zu suchen. Vor allem wenn sie nicht der Sicherheit und dem Schutz anderer, etwa bei einer weiteren Anschlagsdrohung, sondern nur dem streben nach Aufmerksamkeit dienen.

Mit einem Tweet über „unbestätigte Informationen“ zu einer durch den Anschlag betroffenen Schulklasse, gingen sowohl die rbb Abendschau, als auch rbb|24 kurz nach 9 Uhr am Morgen nach den Ereignissen in Nizza an die Öffentlichkeit. Auf meine Nachfrage nach eine Quelle, ließ man eben diese „unbestätigten Informationen“ einfach nur im Raum stehen.

Jetzt mag man sagen: Ist ja nicht so schlimm, Hauptsache neue Informationen.

Aber was bleibt beim schnellen Lesen dieser Nachricht hängen? Nicht etwa, dass sie noch nicht bestätigt wurde, sondern dass eine Berliner Schulklasse betroffen ist.

Die wechselnde Informationslage

Warum wartet man an dieser Stelle nicht bis zweifelsfrei feststeht, dass die Information auch stimmt? Bis etwa eine Behörde oder eine Primärquelle die Vermutung zur Tatsache gemacht hat.
Eine echte Dringlichkeit, etwa zum Schutze der Bevölkerung, hat diese Nachricht nicht. Dafür hat sie einen hohen emotionalen Wert. Nicht nur für all jene, die die Ereignisse mit schrecken verfolgt haben, sondern ganz besonders für die Familien und Angehörigen, die ihre Kinder in dieser Katastrophe vermuten.

Stattdessen dokumentiert man beim RBB aber lieber mit jedem Zwischenschritt wie unsicher die Informationslage noch ist. Von der angeblichen Bestätigung …

… über das Dementi …

… bis hin zur tatsächlichen Bestätigung. Das war etwa fünf Stunden nachdem man die erste Meldung dazu herausgegeben hat. Zur eigentlichen Quelle verlinken aber wieder nur andere.

Mangelnde Zurückhaltung?

Zwar ließ man zwischenzeitlich sogar die Schulaufsicht zu Wort kommen, tut aber genau das Gegenteil von dem, was diese sich für einen respektvollen Umgang mit den Angehörigen wünscht (ab 0:17).

Schulaufsicht: Dem größten Teil der Schülerinnen und Schüler geht es gut, aber wir wissen noch nicht alles.
RBB-Reporter: Trotzdem legen Sie Wert auf Diskretion. Warum?
Schulaufsicht: Damit die Eltern die Nachricht nicht aus der Presse erfahren, sondern von uns.

Zwar wird in diesem Video auch klar, wer die Quelle des RBB ist, doch mit der Mutter eines Kindes aus der betroffenen Schulklasse kommen die Informationen ebenfalls nur aus zweiter Hand. Sie sind ein Indiz. Zugegeben ein starkes. Doch gerade, wenn man selbst emotional betroffen ist, besteht auch die Gefahr Fakten nicht 100% exakt wiederzugeben.

Und was wäre, wenn alle Medien mit „unbestätigten Informationen“ und Gerüchten an die Öffentlichkeit gehen würden? Was wäre dann noch Glaubhaft? Wäre man dann noch besser als jene Verschwörungstheoretiker, die man sonst bloßstellen möchte? Der RBB hätte den gesamten Tag Zeit gehabt, sich die offizielle Bestätigung einzuholen und von Anfang an über alle Zweifel erhaben zu sein.
Was hätte man getan, wenn die Informationen sich doch nicht als korrekt herausgestellt hätten? Die Meldung wäre erst einmal trotzdem im Umlauf.

Gerüchteküche befeuern

Nicht jeder verfolgt unentwegt das Radio, Fernsehen oder seinen Twitterfeed. Nicht alle Korrekturen und Updates kommen gleichermaßen bei den Mediennutzern an. Im schlimmsten Fall machen sich solche Meldungen selbstständig, wie es Buzzfeed noch am selben Tag aufzeigte.

Journalistischen Ehrgeiz in allen Ehren, aber bitte nicht auf Kosten derer, für die man die Nachrichten macht.

Das nicht alle meiner Meinung sind, habe ich im Zuge der Ereignisse ebenfalls zu spüren bekommen.

Wie schätzt ihr den Umgang mit dieser Meldung ein? Was spricht für und was gegen die Veröffentlichung? Schreibt mir das gern in die Kommentare.

 

Über den Autor

Fernseh- & Internetnerd, Newsjunkie und nebenberuflicher Twitterer. Immer fasziniert von dem, was mit den Medien möglich ist - und enttäuscht davon, was sie dann tatsächlich tun. Frank Krause schreibt über die Licht- und Schattenseiten eines Business, das ihn seit seiner Jugend unendlich fasziniert.

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