Der #Raabschied, oder: Das Fernsehen braucht mehr Lagerfeuer

20. Dezember 2015 | 20:42 | fernsehen | 0 Kommentare
Die letzte Folge "Schlag den Raab" (Foto: ProSieben/Willi Weber)

Die letzte Folge „Schlag den Raab“ (Foto: ProSieben/Willi Weber)

Das Leben braucht Konstanten. Dinge, die einem Halt geben, wenn auf anderer Ebene etwas Neues passiert. Fernsehen ist für mich eine dieser Konstanten. Während ich mich beruflich, privat oder technisch ständig auf neue Dinge einstellen muss, fühle ich mich am Abend oder am Wochenende auch dann angekommen, wenn mir ein bekanntes Gesicht eine Freude bereitet. Nun verabschiedet sich aber das Fernsehen, wie ich es kannte, mit dem ich aufgewachsen bin, langsam immer mehr. Seien es GIGA, Wetten, dass..? oder nun das TV-Aus von Stefan Raab.

Fernsehen als Ritual

Früher war Fernsehen für mich ein Ritual. Ich hatte die Zeiten meiner Lieblingssendungen alle im Kopf und gestaltete meinen Tag danach. Morgens der Sat.1 Superball, nachmittags eine Folge Streit um drei, bevor ich dann abends zu den Simpsons, Akte X und irgendwann zu TV total überging. Was zu spät lief, wurde entweder heimlich geschaut oder einfach aufgezeichnet.

Ich weiß noch, wie ich den Fernseher immer extra dunkel gedreht habe, um spät abends heimlich weiterschauen zu können. Wie froh ich war, als ich endlich wusste, wie man den Videorecorder programmiert und wie ich es genossen habe, irgendwann selbst entscheiden zu können, wann ich ins Bett gehe – oder doch lieber noch eine Folge der Harald Schmidt Show schaue.
Viele der Gesichter und Sendungen haben mich über Jahre begleitet. Sie gehörten nicht zur Familie, aber zum Alltag. Bekannte Gesichter, die immer mal wieder vorbeischauen, die ich kenne, die es aber auch immer wieder schaffen mich zu überraschen.

Stefan Raab – Der Ruf eilte ihm voraus

Eines dieser Gesichter war definitiv Stefan Raab. VIVA konnte ich erst sehr spät empfangen, doch durch Songs wie „Böörti Böörti Vogts“ oder „Ein Bett im Kornfeld“ und Ausschnitte von ihm auf anderen Sendern vermittelten mir schon ein ganz gutes Bild: Da ist jemand, der das Medium Fernsehen nicht nur füllt, sondern der es sich zu eigen machen möchte.
Als er 1999 endlich zu Prosieben kam, musste ich TV total um jeden Preis sehen. Und obwohl es 22 Uhr an einem Montagabend ziemlich spät für jemanden lief, der gerade der Grundschule entwachsen war, wurde es für mich zum Ritual die Sendung abends aufzuzeichnen und am darauffolgenden Nachmittag zu verschlingen. Und ich war nicht der Einzige. Die Schweißflecken von Andreas Türck, Dieter Bürgys Lochfraß und die Raabigramme für Brisko Schneider und Modern Talking waren auch auf dem Schulhof Gesprächsthema.

Wie sehr die Sendung für mich und meine Freunde zur Popkultur gehörte, zeigt auch unsere Hommage an König Lustig und das LateNight-Genre: Wir hatten eine eigene monatliche Webshow, die für eine Episode auch im (virtuellen) TV total Studio stattfand.

Und auch wenn ich TV total die letzten Jahre kaum noch geschaut habe, war Stefan Raab eine der letzten Konstanten mit der quasi jeder etwas anfangen konnte und der trotz seiner Bräsigkeit in seiner täglichen Show, mit Eventshows offenbar Narrenfreiheit besaß und immer wieder zu überraschen wusste. Außerdem konnte ich mir sicher sein ihn irgendwann im Laufe der Woche zu begegnen, wenn ich durch die Programme zappe.

Immer mehr Abschiede

Der Abschied von GAME ONE 2014 (Sceenshot: MTV / GAME ONE)

Der Abschied von GAME ONE 2014 (Sceenshot: MTV / GAME ONE)

Ähnlich ging es mir mit GIGA Games, Kuttner, der Harald Schmidt Show, Wetten, dass..? und der Wochenshow. Alles Sendungen, die mich durch mein Leben begleitet haben und die Stück für Stück vom Bildschirm verschwunden sind. War ich 2014 noch über das Ende von GAME ONE traurig, lief gerade die letzte Folge von Schlag den Raab. Sendungen, die ich live oder auch On Demand schauen konnte, über die man im Netz und auch mit den Kollegen gesprochen hat, weil sie etwas Besonderes waren. Weil sie über die Jahre zum Ritual geworden sind.

Selbstverständlich sind Medien immer im Wandel. Das müssen sie auch sein. Aber diese Rituale werden immer weniger. Und so auch die Gesichter, die ich zu Hause willkommen heiße.
Ich habe das Gefühl, dass da nicht mehr viel nach kommt. Formate und Gesichter werden kurzlebiger. Die Sendungen beliebiger. Deutschland sucht den Superstar, das Supertalent ja, selbst die Sendungen von und mit Joko & Klaas sind meist nicht einmal live und damit ziemlich berechenbar.

Wo bleibt das Besondere?

Ich verstehe die Sender nicht, die ihr Programm immer mehr mit Serienwiederholungen und Shows von der Stange zu füllen. Klar mag das für den Moment funktionieren, aber wer erinnert sich heute noch an die unzähligen Talk- und Gerichtsshows? Wer kann eine schlechte Dokusoap noch von der anderen unterscheiden?
Und wer erinnert sich stattdessen noch an die Sketche von Loriot, die Songs von Hape Kerkeling oder den Kampfgeist von Stefan Raab?
Das Fernsehen braucht das Besondere, braucht Moderatoren und Gesichter, die sich darin wohlfühlen und die das Publikum in ihren Bann ziehen. Sonst schafft es sich auf Raten schlicht selbst ab.

 

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