Digitalradio in Deutschland: Wer braucht das?

16. September 2015 | 10:41 | radio | 3 Kommentare

Digitalradio im Einsatz (Foto: digitalradio.de)

Wenn ein Radiosender mein Herz erobert, ist das für eine Fernseheule wie mich schon was Besonderes. Im Jahr 2001 hat genau das Project 89.0 digital geschafft. Einer der ersten digitalen privaten Radiosender in Deutschland. Die analoge Parallelübertragung per UKW reichte nur knapp bis zu mir nach Hause und ein digitaler Radioempfänger lag als Lösung geradezu auf der Hand. Dicht gefolgt von meiner Skepsis ob DAB tatsächlich sinnvoll ist?

Project 89.0 digital war, mitten in der Pubertät, eine Offenbarung. Rock, Crossover, Alternative coole Moderatoren und Aktionen. Der Sender klang einfach anders als alles, was hier sonst so von der Antenne dudelt. Leider konnte ich den Sender nur beim richtigen Wetter auch wirklich gut empfangen, sonst rauschte und knarzte es im Radio.

Warum wollte ich eigentlich ein DAB-Radio?

Project 89.0 Digital (Logo)

Project 89.0 Digital (Logo)

Aber wie das nun einmal so ist, mit Dingen, die man unbedingt haben möchte: Ich habe mich bemüht ein Digitalradio zu bekommen. Schließlich war Project per DAB zu empfangen, die Audioqualität sollte besser als bei UKW sein und die Analogabschaltung stand damals schon ständig „kurz bevor“. Warum also nicht in die Zukunft investieren? Am besten direkt verbaut in meiner neuen Stereoanlage. Dolby Surround, DVD-Wechsler, DTS, alles kein Problem. Ein digitaler Radioempfänger allerdings, war kaum zu bekommen. Vor allem nicht verbaut in einer Stereo-Anlage. Es gab einzelne, viel zu teure Geräte nur für den DAB-Empfang. Das war – bei aller Liebe – kein Grund für mich (als Schüler) noch zusätzlich Geld auszugeben.

So war das Thema schnell für mich erledigt und Project Ende 2003 leider auch schon wieder. Es wurde gegen 89.0 RTL ersetzt und kein Radiosender hat es je wieder geschafft mich dermaßen zu begeistern. Einzelne Sendungen und Moderatoren schon. Was aber kein Grund war, überhaupt noch einmal über ein Digitalradio nachzudenken.

Nun ist es ja so, dass DAB in Deutschland bereits einmal gescheitert ist und mit DAB+ ab 2011 nun schon der zweite Versuch unternommen wurde die Technik in den Markt zu drücken. Da kann ich eigentlich ganz froh sein, damals kein Digitalradio bekommen zu haben, den kompatibel sind alte DAB-Radios zum neuen Standard oft nicht. Wer will da noch einmal Early Adopter sein, falls sich DAB+ auch nicht durchsetzt? Ich jedenfalls nicht. Immerhin hatte die Technik ab 1999 etwa zehn Jahre Zeit sich zu etablieren. Ein UKW-Radio aus den 60ern kann ich heute immer noch nutzen und im Zweifel mit dem Lötkolben reparieren.

Wer braucht eigentlich Radio in „CD-Qualität“?

Oft wird mit besserer Audioqualität und Zusatzdiensten argumentiert. Aber seien wir doch mal ehrlich, wo hört man Radio? Beim Arbeiten, im Bad, in der Küche und beim Autofahren. Da will ich einen unterbrechungsfreien Ton, aber ob das nun CD-Qualität ist oder nur MC-Qualität (jaja, ich kenne noch Musik-Kassetten) ist? Bei all den Störgeräuschen der Umgebung ist das eher Nebensache. Mal davon abgesehen, dass die meisten Sender sowieso noch einmal einen Kompressor über das Signal laufen lassen, um die Stimmen im Auto verständlicher zu machen, so aber auch den Klang verändern.

Zusatzdienste wie Plattencover, das Senderlogo und Verkehrsdaten kann ich wiederum im Auto sowieso nicht in Ruhe lesen, zu Hause liegt das Smartphone direkt daneben. Was uns auch schon zum nächsten Punkt bringt: Stationär kann ich fast alle Sender der Welt auch online hören. Das Internet macht’s möglich. Die Verfügbarkeit ist auch besser, denn DAB+ funktioniert in Innenräumen wesentlich schlechter als UKW und nur die wenigsten Sender kann ich über DAB+ auch wirklich deutschlandweit empfangen. Da sind immer noch existente Funklöcher u.a. in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern noch nicht einmal einbezogen.

Abedeckung von DAB+ im September 2015 (Screenshot: digitalradio.de)

Abedeckung von DAB+ im September 2015 (Screenshot: digitalradio.de)

Noch dazu ist IP-basiertes Radio leichter zugänglich. Ob Smartphone, Tablet, PC oder spezielle Multimedia-Geräte. Fast 30% der Radiohörer in Deutschland hören mindestens gelegentlich Internetradio, demgegenüber stehen nur etwa (oder immerhin) 11% DAB-Hörer. Wenn ich mal schnell bei 1LIVE, SWR3 oder Fritz reinhören wollte, ich könnte es mit DAB+ genauso wenig, wie mal eben einen Beitrag bei MDR Sachsen-Anhalt oder R.SA nachhören.

Mobile Nutzung? Geht so.

Wenn ich dann doch einmal unterwegs bin, spare ich mir mit DAB+ freilich mobiles Datenvolumen am Handy. Das mache ich allerdings auch mit UKW, das heute schon in meinem Smartphone verbaut ist. Die meisten Pendler (80%) wohnen nicht weiter als 25 km von ihrer Arbeitsstätte entfernt, ein normaler UKW-Sender reicht 20-60 km, je nach Topographie. Und die kann ich dann auch im Haus oder in Häuserschluchten ohne zusätzlich installierten Repeater hören. Außerdem sind DAB+-Empfänger echte Stromfresser. Ein kleines Taschenradio bietet sechs Stunden Hörgenuss, mein vergleichbares UKW-Radio kommt mit zwei R6-Batterien locker auf 20-30 Stunden am Stück.

Ein echter Vorteil sind für mich nur die bundesweit empfangbaren Digital-Sender. Von München bis Hamburg denselben Sender hören klingt schon verlockend. Nur ist es dann nicht zwangsläufig mein Lieblingssender. So ist z.B. MDR JUMP zwar in Mitteldeutschland und Berlin zu empfangen, in Köln aber wieder nicht.

Wo sind die privaten Sender?

Und apropos Lieblingssender: Leider sind bis auf ein paar Spartenprogramme (und in Bayern) größtenteils öffentlich-rechtliche Sender per DAB+ zu empfangen. 143 Mio UKW-Empfänger stehen, 6,4 Mio DAB-Empfangsgeräten gegenüber. Für die Öffentlich-Rechtlichen wird einfach Budget aus dem Rundfunkbeitrag beantragt. Als werbefinanzierter Anbieter überlege ich es mir dann aber lieber zweimal, ob ich pro Sender und Bundesland noch einmal mehrere 100.000 Euro pro Jahr ausgebe, um das Programm parallel auch per DAB+ auszustrahlen. Denn damit erreiche ich aktuell nur 11% der Radiohörer im Vergleich zu 93%, die UKW weiterhin treu sind.
Auch Webradios hören immerhin knapp 30% der Radionutzer und deren Betrieb ist deutlich günstiger.

KISS.FM ist bei DAB+ schon wieder ausgestiegen. (Logo: KISS.FM)

KISS.FM ist bei DAB+ schon wieder ausgestiegen. (Logo: KISS.FM)

Dabei ist es wichtig, dass wir auch künftig einen Rundfunkstandard haben, auf den man sich verlassen kann. Gerade in Gebieten wo die Mobilfunknetze Lücken aufweisen, muss es eine Möglichkeit geben mobil an Informationen zu kommen. Unkompliziert per Broadcast und nicht durch ein knotengestütztes IP-Netzwerk in das ich mich erst einwählen muss.
Man kann natürlich auch sagen, dass der Radiomarkt durch UKW ziemlich konsolidiert ist. Es gibt nur ein begrenztes Frequenz-Spektrum und über DAB+ wären deutlich mehr parallel ausgestrahlte Programme pro Region möglich. Vor allem für kleine Sparten- und Lokalsender wäre das Ideal, wäre die Verbreitung nicht so verdammt teuer. Vor allem bei sehr kleinen Sendegebieten ist UKW offenbar immer noch billiger.

Durchaus kann hier auch eine Angst der privaten Anbieter mitschwingen, dass es ihnen womöglich wie den Fernsehsendern in den letzten 30 Jahren geht. Je mehr Programme es gibt, desto mehr muss die Torte an möglichen Empfängern auch aufgeteilt werden. Aber wenn ihnen andererseits weder bei den Kosten der Verbreitung noch bei der Massentauglichkeit und dem Marketing für die Empfangsgeräte entgegengekommen wird, herrscht erst einmal Stillstand oder sie ziehen sich wie KISS.FM wieder ganz aus DAB+ zurück.

Der Hörer sollte im Mittelpunkt stehen, nicht die Technik

Mir als Hörer ist das allerdings völlig egal. Ich wollte damals einfach Project 89.0 Digital hören, weil mir das Programm gefiel. Wie der Inhalt zu mir kommt, war und ist mir relativ egal. Es soll nur funktionieren. Und hätte ich damals statt eines 56k-Modems schon DSL gehabt, hätte ich auch kein DAB-Radio gebraucht.
Die einzige Möglichkeit über die DAB+ in Deutschland noch nachhaltig wachsen kann, sind für mich überzeugende Inhalte und kein Technik-Blabla. Dudelfunk habe ich überall, starke Lokal- und Spartenprogramme finde ich oft leider nur im Netz oder in kleinen Sendegebieten. Sender wie Project 89.0, das Fußballradio 90Elf oder anspruchsvolle Programme wie detektor.fm, gepaart mit meinen liebsten Lokalradios, wären für mich echte Verkaufsargumente. Und das Bundesweit, wann und wo ich will.
Bis es wirklich soweit ist, tun es für mich auch der UKW-Chip in meinem Smartphone und die App von radio.de.

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3 Comments »

  1. OktoberKind 20. September 2015 um 17:53

    Jaja, Project 89.0 habe ich auch geliebt und diese Digitalradiosache nie so ganz verstanden.
    2005 habe ich ein Praktikum in der Landesmedienanstalt gemacht, da war die Zukunft des digitalen Radios auch Gesprächsthema Nr. 1 und ja alle so überzeugt davon, dass das die Zukunft ist. Nun ja…

    LG 🙂

  2. bockla 20. August 2016 um 10:40

    Grundsätlich finde ich die Digitalen Radios top, wenn man das Problem mit der Flächendeckung hätte. Grade auf den ländlichen Gebieten, wo ich herkomme, ist es immernoch nicht so nutzbar. Das Internetradio scheint auch immer mehr im kommen bei der heutigen Mobilnetzausbaung…. naja mal sehen wo die Reise hingeht

  3. GuterTon 27. November 2016 um 15:40

    Also ich wäre froh wenn ich endlich mein Radioprogramm in sehr guter Qualität empfangen könnte. Ich z.B höre sehr viel klassische Musik und wäre froh wenn es in meiner ländlichen Gegend eine ausreichende Abdeckung mit DAB+ gäbe, das ist leider aber noch nicht der Fall.

    Ich hoffe dieses Problem wird noch in den nächsten Jahren angegangen.

    Gruß

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