Ist Fernsehen noch glaubwürdig?

30. Dezember 2013 | 02:36 | fernsehen | 0 Kommentare

Senderegie (Foto: Frank Krause)Feierabend. Couch. Fernseher an. Ich schaue gern fern. Das ist schon immer so. Ich habe viel gelacht, gestaunt, mich gefürchtet, aber vor allem habe ich – man mag es kaum glauben – viel durch das Fernsehen gelernt. Vieles, das erst deutlich später Thema in der Schule war oder für das es früher kaum einen anderen Zugang gab. Etwa Reisereportagen, Technikmagazine oder was man beim kochen besser nicht vermischt. Doch auch für mich ist es mittlerweile oft nur Nebenbeimedium. Das ist an sich ja nicht schlimm. Allerdings führt das auch dazu, dass das Fernsehen geradezu nach Aufmerksamkeit schreit. Nicht selten auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Ich messe dem Medium Fernsehen eine große Relevanz bei. Doch seien es der Quotendruck, die Konkurrenz durch das Internet oder sinkende Gewinnmargen für die Produzenten. An vielen Stellen kann ich das Fernsehen nicht mehr ernst nehmen. Dabei soll es auch nicht um die unzähligen Scripted Realities gehen, die das Tagesprogramm der Privatsender verstopfen. Geschenkt. Das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es geht mir viel mehr um vermeintlich echte Dokumentationen, Reportagen und Wissenssendungen. Oft weiß ich auf den ersten Blick nicht: Ist das jetzt echt oder zu Gunsten der Dramaturgie gestellt?

Es war einmal Das Millionenspiel

Was einst in den 70ern der Film Das Millionenspiel zeigte, nämlich dass viele Zuschauer dem Fernsehen tatsächlich glaubten, Kandidat Bernhard Lotz würde mit Einsatz seines Lebens um den Gewinn von einer Million Mark spielen, ist heute oft Realität. Doch während Das Millionenspiel noch offenkundig ein Spielfilm war, ist beginnend mit Sendungen wie der Abschlussklasse oder Zwei bei Kallwass die Grenze zwischen Fiktion und Realität sehr verschwommen und das ohne einen eindeutigen Hinweis für den Zuschauer, dass die gezeigten Geschichten nicht echt sind. Meinem Empfinden nach gibt es in den letzten 10 bis 20 Jahren beständig neue Sendungen, die nicht klar sagen was Realität und was erdacht ist.

Die Privaten außer Kontrolle?

Katja Burkard  im Studio von Punkt 12 - Das RTL-Mittagsjournal (Foto: RTL)Heute sind auch ehemalige Informationsprogramme, wie Punkt 12, durchsetzt von Beiträgen, die als real verkauft werden und dann doch nicht sind. Oder ProSieben, das gleich die komplette Aufmachung seiner Nachrichten für eine OnAir-Promo missbraucht. Je mehr ich mich mit dem Gezeigten auseinandersetze, desto misstrauischer werde ich. Vor allem, wenn ich mich mit den Produktionsbedingungen für eine TV-Sendung einmal genauer beschäftige, kann ich mich bei Sendungen wie Teenager außer Kontrolle oder Schwer verliebt nur fragen, was daran überhaupt noch echt ist? Als echt verkauft werden sie mir als Zuschauer ja schließlich.

Aber sind heutige Teenager wirklich so doof, sich feiernd und saufend auf einen Partyurlaub mit einer Kamera begleiten zu lassen, ohne zu ahnen, dass es die Eltern jemals – vielleicht sogar im TV – sehen könnten?

Aber auch bei eher unspektakulären Sendungen, wie z.B. Shopping Queen, kann irgendetwas nicht stimmen, bedenkt man, dass die Produktionsfirma sich für jedes Geschäft eine Drehgenehmigung besorgen muss und auch die gezeigten Personen in irgendeiner Weise zustimmen müssen. Das führt dazu, dass so ein Shopping-Trip auch mal etwas länger als vier Stunden dauern kann oder man eben nicht in alle Geschäfte darf, in die man gern würde. Schließlich frage ich mich als Zuschauer schon, warum sich fast keine Teilnehmerin zu H&M oder Primark verirrt?

Öffentlich-Rechtliche Ungenauigkeiten

Aber auch Sendungen der öffentlich-rechtlichen Programme von ARD und ZDF lassen immer mehr die Grenze von Wirklichkeit und Inszenierung verschwimmen, obwohl sie es eigentlich nicht müssten … und sollten! Da werden schon einmal hanebüchene Kriterien für einen Test Mercedes gegen BMW genommen, um angeblich die zwei Marken zu vergleichen. Etwa wie viele Raser sich in sechs Stunden einer bestimmten Marke zuordnen lassen, bloß um eine Dramaturgie (Wer gewinnt wohl das Duell?) zu erfüllen und irgendetwas bewerten zu können. Oft sind es auch einzelne wenige Personen, die etwa über das Aussehen bestimmter Produkte oder deren Geschmack entscheiden sollen.

Schlimmer ist es dann nur, wenn sogar eine Teilnehmerin ZDF-Sendung Auf der Flucht – Das Experiment zugibt, dass hinter der Kamera nicht alles so stattgefunden hat, wie es nach außen erzählt wird. Etwa, dass sie in Wirklichkeit im Hotel geschlafen hätte und durchaus Zugriff auf ihre private Technik (hier die Videokamera) hatte.

Ist das alles echt?

Das mögen nur Kleinigkeiten sein, doch in der Summe macht es für mich schon etwas aus. Wie oft habe ich schon den Spruch: „Das ist doch sowieso alles Fake!“, gehört? Wie oft habe ich mir selbst beim Fernsehen schon die Frage gestellt: „Ist das jetzt wirklich echt?“ Ein Stichwort ist hier die erwartende Kamera. Oft sieht man einen Reporter an einer Haustür klingeln und plötzlich filmt die Kamera aus dem Hausinneren, wie die Tür geöffnet wird. Das mag ein stilistisches Mittel sein, eröffnet aber die Frage, was dann noch gestellt sein könnte an dieser Sendung?

In den meisten Fällen kann man dies mit der Dramaturgie begründen, die man versucht in der Erzählung zu halten, um etwa gewisse Sehgewohnheiten zu erfüllen oder schneller Aufmerksamkeit zu erregen. Klar. Meist werden Dinge, die normalerweise mehrere Wochen dauern würden ja auch in weitaus wenigen Drehtagen produziert, wo wir beim nächsten Stichwort, dem Kostendruck wären.

Logo 37grad (Bild: ZDF / Corporate Design)Aber wie ernst kann ich ein Medium nehmen, dass darüber nicht offen mit mir, dem Zuschauer, spricht? Ich habe kein Problem mit solchen Sendungen, wenn sie der bloßen Unterhaltung dienen. Aber wieso wird die Art der Erzählung vor die authentische Vermittlung von Fakten an den Zuschauer gestellt? Warum lässt man bewusst offen, was echt ist und wo eventuell getrickst wurde? Damit kratzt man auch an der Glaubwürdigkeit der eigentlich seriösen Flaggschiffe, aber vor allem an der vieler kleinen Reportagen und Dokumentationen. Ich bin mir selbst bei einigen 37 Grad-Folgen nicht sicher, wie nah die Geschichten wirklich an den Personen erzählt sind.

Schlussendlich sind viele Sendungen Fiktion oder schlichte Autorenwerke, die sich der Stilmittel einer wahrhaftigen Berichterstattung etwa in Form einer Dokumentation oder Reportage bedienen. So genanntem Factual Entertainment. Das ist günstiger in der Herstellung, als etwa eine aufwändig produzierte TV-Serie. Oft bekomme ich das als Zuschauer auch irgendwie im Kontext mit, aber eben nicht immer. Doch schließlich müssen 24 Stunden Programm irgendwie aufregend und leicht konsumierbar gefüllt werden. Da kommt Glaubwürdigkeit erst nach Quote.

Die Frage ist: Muss das wirklich sein?

Sendungen wie Wild Germany, Bauerfeind 28:30 oder Rach, der Restauranttester zeigen doch, dass man dem Zuschauer gegenüber auch fair und trotzdem unterhaltsam seine Inhalte vermitteln kann.

 

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