Absolute Mehrheit: Raab, Sympathien & Politik

12. November 2012 | 01:56 | fernsehen | 3 Kommentare

Absolute Mehrheit, Stefan Raab (Foto: ProSieben / Willi Weber)Polittalk mal anders? Genau das hat Stefan Raab gestern Abend mit seiner neusten Show Absolute Mehrheit versucht. Vier Politiker und ein Gast aus dem Volk diskutieren zu gleich drei Themen. Die Zuschauer dürfen per Telefon darüber abstimmen, wer sie am meisten überzeugt. So behauptete Raab noch vor der Sendung: „Bei anderen Talk-Shows ist der Zuschauer nach der Show genauso schlau wie vorher. Bei uns weiß er, wie die Mehrheit denkt.“ Doch war dem wirklich so?

Nach einem launigen Warm-Up und der Vorstellung der Gäste, wurde auch gleich in das Erste von drei Themen eingestiegen. Was gleich auffiel: Jan van Aken und Thomas Oppermann redeten sehr viel, alle anderen, insbesondere die Stimme aus dem Volk und Geschäftsführerin von Goofbeans, Verena Delius, sagten hingegen sehr wenig. So gehörten auch Wolfgang Kubicki und Dr. Michael Fuchs zur Gesprächsrunde.

Was sofort auffiel, war das stylische Studio, das – ohne den Adler im Hintergrund – auch einer LateNight entsprungen sein könnte und äußerst gemütlich und einladend wirkte.

Raab selbst fiel, außer durch bissige Kommentare, etwa gegenüber Philipp Rösler („Wenn er das sieht beim Abendessen, hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand.“) anfangs kaum auf. So saß er auch reichlich merkwürdig, eher wie auf einem gemütlichen Fernsehsessel, neben den anderen Gästen. Was ihn – für mich – optisch oft in der Runde verschwinden ließ.

Nach wenigen Minuten Diskussion  gab es auch schon die erste Auswertung zusammen mit Peter Limbourg. Dieser fand jedoch nur drei, vier lobende Worte, wie toll die Diskussion doch lief. Eine wirklich Auswertung und Einordung sieht anders aus. Aber seine Hauptaufgabe bestand ohnehin nur aus dem Vorlesen des aktuellen Zwischenstandes und dem Ankündigen der Werbung.

So wechselten sich also Talk auf dem Sofa und betrachten der aktuellen Anrufer-Verteilung im Viertelstunden-Takt, unterbrochen durch Werbung, ab. Es wurden die drei Themenkomplexe  Steuergerechtigkeit, Energiewende und die Gefahren des Internets diskutiert. Diese wurden vorher durch jeweils sehr modern animierte Clips angekündigt. Sie wirkten ganz untypisch für Raab-Produktionen und kamen ohne die typische TV-Total-Stimme, aber trotzdem gut pointiert, daher.

Auch Raab lockerte immer mehr auf. So hatte er vor allem beim Thema Energiewende zahlreiche Daten und Fakten vorbereitet, die er in die Diskussion einfließen ließ. Zu wirklichen Ergebnissen oder gar neuen Erkenntnissen führte keines der Themen. Jeder hatte seine vorgefertigte Meinung und am Ende gab es immer einen Konsens, dass sie ja alle nur das Beste für die Bürger wollen.

Das spiegelte sich in gewisser Weise auch im Ergebnis des Zuschauer-Votings wider. Warum sonst bekam Wolfgang Kubicki die meisten Anrufe? Sicher nicht, weil er die besten Argumente oder den meisten Redeanteil hatte. Sondern weil er von Anfang an der bekannteste Teilnehmer der Runde, mit der derzeit größten Popularität, war. Dicht gefolgt übrigens von den beiden rhetorisch besten Teilnehmern von Aken und Oppermann.

Laut einem aktuellen taz-Interview mit Raab ist das auch durchaus so gewollt. Doch ist der Zuschauer dann wirklich schlauer als vorher, wie Raab es doch so vollmundig behauptete? Mir zumindest bleibt da ein fahler Beigeschmack. Denn dann verhält es sich, wie mit anderen Polittalks: Wer rhetorisch gut aufgestellt ist, oder generell viele Sympathien genießt, hat „Recht“. Dann weiß der Zuschauer zwar, was die Mehrheit fühlt, aber doch sicher nicht, was sie denkt.

Achso, und dann gab es natürlich noch das ausgeschriebene Preisgeld von 100.000 Euro, welches irgendwie so gar keine richtige Rolle spielte. In der Talkrunde hätte es wohl auch keiner wirklich nötig gehabt und dank nur knapp über 42% für Kubicki bekam es (zum Glück?) auch keiner. Es ist fraglich, ob es künftig mehr Relevanz bekommen wird. Zu mehr Spannung hat es jedenfalls nicht geführt.

Doch soll das hier kein Abgesang auf die Sendung sein. Wenn sie im Januar zurückkehrt, wird es bestimmt einige Veränderungen geben. Sollte dann noch die Gästeauswahl ausgewogener und die Kommentare von Limbourg etwas kritischer werden, könnte die Sendung sich auf jeden Fall noch steigern.
Außerdem ist es einem Privatsender wie ProSieben, mit einer so jungen Zielgruppe, hoch anzurechnen, solch ein Experiment überhaupt zu wagen. Nur ist die Sendung im aktuellen Zustand, wie ich finde, noch keine Empfehlung wert.

Absolute Mehrheit, Peter Limbourg & Stefan Raab (Foto: ProSieben / Willi Weber)

 

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