Eine Woche ohne Facebook

16. Juli 2012 | 19:19 | social media | 6 Kommentare

Tschüssi Facebook! (Screenshot: Frank Krause / Facebook)Facebook ist allgegenwärtig. Meine private Kommunikation, Verabredungen und (Chat-) Gespräche spielen sich größtenteils dort ab. Doch warum eigentlich? Vor ein paar Jahren sah das doch noch ganz anders aus. Man nutzte SMS, chattete per ICQ oder MSN oder verabredete sich am Telefon. In einem kleinen Selbstversuch wollte ich der Sache auf den Grund gehen und eine Woche ohne Facebook verbringen.

Heute hat das größte Soziale Netzwerk fast 24 Mio. aktive Nutzer in Deutschland. Hinzu kommen unzählige Firmenprofile, die so vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wären. Es ist ja auch praktisch: Viele Freunde sind dort und gleich mehrere Kommunikationswege werden so komfortabel vereint, wie bislang nirgendwo. Man kann chatten, sich Nachrichten schreiben, sehen, was den Freunden gefällt und wer gerade online ist. Selbst andere, ehemals erfolgreiche Netzwerke, wie MySpace oder StudiVZ, haben Nutzer nicht so universell an sich binden können.

Doch all dieser Komfort hat auch seine Nachteile. Verknüpft man etwa die Facebook eigene Handy-App mit dem Telefon, gewährt man dem blauen Riesen auch Zugriff auf das Adressbuch und die Kurznachrichten. Es sollen eben alle Kommunikationswege vereint werden … Datenschutz ist zweitrangig. Wie auch in vielen anderen Bereichen.

Außerdem ist Facebook ein extrem zeitraubendes Hobby. Man wird ständig mit neuen Informationen aus dem Freundeskreis und von Unternehmen, die einem „gefallen“, geradezu bombardiert. Jeder versucht sich selbst auf die ein oder andere Weise darzustellen und ständig ist irgendwas los.

Zumindest bei mir selbst vergeht quasi kein Tag, an dem ich mich nicht von Facebook auf den neusten Stand bringen lasse, die Inhalte anderer kommentiere oder selbst einen Status poste. Schon vor einiger Zeit habe ich in einem anderen Artikel die Frage aufgeworfen, wie wohl die Welt ohne Facebook wäre.
Umso interessanter finde ich es zu erfahren, ob es nicht auch ohne geht. Ganz spontan habe ich „Tschüssi Facebook!“ gesagt und war eine Woche lang nicht auf meinem privaten Profil unterwegs. Nicht zuletzt, weil es täglich auch ein unglaublicher Zeitkiller ist. Vor allem, wenn man es so intensiv nutzt, wie ich dies tue.

Das Experiment beginnt

Es ging also los und das war erst einmal mit einem komisches Gefühl verbunden. Was mache ich, wenn ich in der Früh nicht wie selbstverständlich zum Laptop greifte und nachschaue, was über Nacht passiert ist, nach mehr oder weniger spannenden Ereignissen keinen Status poste und niemanden spontan anschreiben kann, der gerade online ist?

Trotzdem verliefen die ersten zwei Tage ziemlich entspannt und – zumindest beim Arbeiten – würde ich schon behaupten wollen, wesentlich konzentrierter gewesen zu sein. Kein Blinken des Chats in den Augenwinkeln, keine roten Kästchen mit immer weiter steigenden Zahlen, die zwischendurch immer wieder neugierig machen. Doch zu Hause sah es ganz anders aus. Schließlich gibt es noch genügend andere Ablenkungen, wie Youtube, Twitter und – ja – ich entdeckte auch das abendliche DVD-Schauen wieder für mich. Allerdings war ich auch sehr gefesselt von Prison Break und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht.

SMS statt Facebook - und ja, das ist mein Handy. (Foto: Frank Krause)

SMS statt Facebook – und ja, das ist mein Handy. (Foto: Frank Krause)

Die Kommunikation mit anderen verlief ganz anders als in der Vor-Facebook-Zeit. Damals erreichten ich fast jeden über ICQ – aber da ist mittlerweile kaum noch jemand zu finden. Stattdessen nutze ich SMS. Ganz tot sind diese also trotz WhatsApp und eben Facebook noch nicht- und selbst wenn, mein Handy könnte damit ohnehin nicht umgehen. Vielmehr wurde ich aber bei Anfragen, etwa um etwas zusammen zu unternehmen, auf das Wesentliche in 160 Zeichen beschränkt. Viel Platz für Smalltalk ist da nicht, wenn das geplante Treffen abgesagt wird.

Am dritten Tag machte ich auf einer Party einige neue Kontakt, und wie selbstverständlich kam die Frage: „Wie heißt du auf Facebook?„. Nun, das konnte ich noch beantworten. Die Anfrage auf Facebook bis heute nicht. Das mag kurios klingen, aber wie bleibt man heutzutage sonst mit frischen Bekanntschaften in Kontakt? Handynummern oder gar Adresse austauschen ist viel zu privat und E-Mails schreibt man eigentlich auch nur noch geschäftlich.
Im Gegenzug muss ich aber zugeben, dass einige Kontakte, die sonst ausschließlich über Facebook stattfanden, teils komplett von meinem Radar verschwunden sind. Hatte man sonst nur über Facebook kontakt, bleibt das auch ohne Facebook so.

Je weiter die Woche fortschritt, desto mehr begannt ein seltsamer Prozess. Die Tage und die ganze Woche schienen länger und länger zu werden und fanden kein Ende. Ob das nun konkret mit meiner Facebook-Abstinenz zusammenhing oder mit dem sonstigen Alltag zu begründen war, lässt sich schwer nachvollziehen. Denn auf gewisse Weise stressig waren die letzten sieben Tage definitiv. Auffällig war es auf jeden Fall. Auch heute noch scheint mir der vergangene Montag gefühlt zwei, drei Wochen zurück zu liegen.

Ich habe in dieser Zeit nicht wirklich etwas vermisst, abgeschnitten von der üblichen Kommunikation fühlte ich mich aber trotzdem. Das ist auf der einen Seite schade, auf der anderen hatte ich aber auch unheimlich viel Zeit, mir über andere Dinge Gedanken zu machen oder einfach den Kopf frei zu bekommen von der Erwartungshaltung immer zu antworten und dem neusten Stand zu sein.

Neuigkeiten bei Facebook (Screenshot: Frank Krause / Facebook)Selbst am letzten Tag, den ich für mich gesetzt hatte, überkam mich nicht Punkt Mitternacht das Gefühl nachzuschauen, was nun alles passiert ist. Das stellt sich erst jetzt nach und nach ein. Vielmehr ist da eine gewisse Angst nach all der Ruhe mit Informationen wieder überflutet zu werden.

Fazit

Wirklich ersetzt wurde für mich Facebook durch kein anderes Medium. Aber ist das auch nötig? Facebook zu nutzen heißt auch allzeit auf Empfang zu sein, vieles mitzubekommen, was mir sonst entgehen würde und einfach irgendwie auch dazu zu gehören. Oft heißt es, man wird nicht gezwungen es zu nutzen. Tut man es nicht, ist man aber auch generell weniger „dabei“. Ob nun gewollt oder nicht, habe ich über andere Kommunikationswege nicht so viel über meine Freunde erfahren, wie über Facebook. Was passiert mit meinen Freunden? Was geht in ihnen vor? Was steht die nächsten Tage an? Das alles musste ich selbst erfragen und bekam es eben nicht in einer riesigen Datenwolke frei Haus.

Ich selbst fand es eine spannende Erfahrung welchen Aufwand man betreiben muss, um nicht ganz außen vor zu bleiben. Auf der anderen Seite war es eine Zeit, die sich befreit anfühle von diesen Zwängen alles mitzubekommen zu müssen und stets infomriert und antwortend bereitzustehen. Die Auszeit tat mir auf jeden Fall gut und ich kann sie jedem gestressten Internet- und ganz speziell Facebooknutzer nur wärmstens empfehlen. Sei es während es Urlaubs oder, wie bei mir, während einer ganz normalen Arbeitswoche.

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6 Comments »

  1. Christian 16. Juli 2012 um 21:58

    Schöner Artikel, zumal ich die Situation nachempfinden kann, weil ich sie während des April diesen Jahres umzugsbedingt auch durchgemacht hab. Da fehlte aber das Internet komplett. Es ist echt interessant was für alte Gewohnheiten man wieder rauskramt, wenn einem solche Sachen fehlen…

  2. Wolfram 16. Juli 2012 um 22:51

    Wir hatten schon überlegt, ob wir die Nachricht deines Todes verbreiten sollten.

  3. netscripter 16. Juli 2012 um 22:53

    Der Dominik hatte doch regen SMS-Kontakt mit mir.

  4. Wolfram 16. Juli 2012 um 23:48

    das wär aber mal ein interessantes experiment

  5. Anne 21. Juli 2012 um 09:31

    Coole Sache, rund geschrieben! Werd ich auch mal probieren demnächst denke ich 🙂
    PS: ein Hoch auf SMS und E-Mails, letztere immernoch mein bevorzugtes Kommunikationsmittel!

  6. Wolfgang Enderlein 9. Januar 2013 um 00:37

    Wenn ich das richtig interpretiere, hast Du den Absprung aus Facebook geschafft.
    Ja die social network macht die realen sozialen Kontakte nach meinem Verständnis kaputt oder behindert sie. Wer viele Facebook-Kontakte hat, pflegt diese sicherlich auch nur oberflächlich. Zeit für tiefe Freundschaften, die über Jahrzehnte halten, haben da wohl keinen Platz mehr.
    Man fragt sich, beherrscht die neue Medientechnik den Menschen oder ist noch umgekehrt Hoffnung.
    Wenn ich sehe, wie in einem Restaurant ein Pärchen gegenübersitz und sich anschweigt und stattdessen auf dem eigenen Smartphone spielt, stellt sich die Frage, wo ist die natürliche Kommunikation zwischenmenschlich. Aber das ist dann wohl ein Forschungsthema für Diplomanten und Doktoranten.

    „Ich löse Probleme mit der neuen Technik Probleme, die ich ohne ihr nicht hatte“

    Aber ich denke, das ist eine philosophische Frage, die sich auch Generationen vor uns gestellt hatten, z.B. als der Radiofunk und später das Fernsehen erfunden wurden. die Antwort finden wir nur in dem Wesen des Menschen, dass sich ebenfalls immer weiter entwickelt.

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